Ihre Augen haben ein ganzes Jahrhundert gesehen

 

Ungewöhnliche Ausstellung in der Galerie Mennonitenkirche in Neuwied zeigt starke Porträts - Jedes Fotomodell hat schon mindestens seinen 100. Geburtstag gefeiert

 

 

Wie viel Lebenserfahrung sammelt ein Mensch in 100 Jahren? Und welche Spuren hinterlässt das in seinem Gesicht? Der Fotograf Karsten Thormaehlen hat Menschen über 100 Jahre porträtiert: Die Bilder sind zurzeit in der Ausstellung “Jahrhundertmensch” in der städtischen Galerie Mennonitenkirche in Neuwied zu sehen.

 

NEUWIED. 100 Jahre sind ein Zeitraum, der für viele Menschen nur schwer zu erfassen ist. Zu viel ist gerade in den vergangenen 100 Jahren geschehen: In Politik und Gesellschaft, in Forschung und Wissenschaft, in der Wirtschaft. Die Welt unserer Urgroßeltern und Großeltern ist uns fremd. Unter welchen Bedingungen sie gelebt haben, ist nur schwer vorstellbar. Viele Dinge, die heute wie selbstverständlich zum Alltag gehören, gab es damals nicht. Die politischen Umwälzungen durch zwei Weltkriege, den Neubeginn und die harten Zeiten des Wiederaufbaus, das geteilte Deutschland und schließlich die Wiedervereinigung - auch das prägte das vergangene Jahrhundert. Menschen, die dieses Jahrhundert erlebt haben, hat der Fotograf Karsten Thormaehlen porträtiert.

Petra Neuendorf vom Neuwieder Amt für Stadtmarketing hat die Bilder gesehen und war sofort von ihnen fasziniert. Deshalb setzte sie sich dafür ein, dass die Ausstellung nach Neuwied kommt. Für sie sei ein spannender Aspekt der Fotos: “Die Porträtierten wirken gar nicht wie über 100 Jahre.” Tatsächlich könnten einige von ihnen durchaus als 20 bis 30 Jahre jünger durchgehen. Von Else Pauli, dem am 13. September 1907 geborenen “Model” auf dem Plakat zur Ausstellung in der städtischen Galerie, ist sie überzeugt: “Würde Else Pauli zwischen den Ratskandidaten und Wahlplakaten hängen, würde sie sicher einige Stimmen bei den Wahlen erhalten.”

Gerade dieses Beispiel zeigt: Der Blick auf das Alter hat sich in unserer Gesellschaft gewandelt. Viele assoziieren damit zunächst Gebrechlichkeit und Hilfsbedürfnis. Dass das Alter auch eine starke, positive Seite haben kann, wird häufig verdrängt. Zu groß sind die Ängste, die dieses Thema aufwirft. Es zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Grenzen des eigenen Lebens. Oft fließen eigene Erfahrungen ein: Wie haben die eigenen Großeltern das Alter gelebt? Waren sie selbst hilfsbedürftig oder nahmen sie bis zuletzt Anteil an den Ereignissen um sie herum? Dabei ist die Zahl der Menschen über 100 Jahre in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

Das Geheimrezept für das Erreichen eines hohen Alters hat Karsten Thormaehlen bei seinen Begegnungen mit seinen “Jahrhundertmenschen” nicht gefunden. Was ihn fasziniert hat, war die Art und Weise, mit der diese Menschen heute noch ihren Alltag gestalten. “Sie schweben wie Philosophen über den Dingen”, beschreibt er ihre Sicht. So erzählt ein über 100-Jähriger, er habe erst aufgehört, sich Gedanken um seine Kinder zu machen, als er erfuhr, dass sie im Altersheim leben. “Diese Menschen haben sehr viel erlebt. Sie haben große Krisen gemeistert, sie besitzen ein großes Wissen. Und sie sind bereit zu erzählen, wenn man ihnen zuhört”, berichtet er. “Ich wollte mit der Kamera tief in diese uralten Augen schauen, Blicke einfangen, die fast das gesamte 20. Jahrhundert gesehen haben”, beschreibt der Fotograf seine Motivation.

Entstanden sind ungemein ausdrucksstarke Porträts, die den Betrachter in ihren Bann ziehen. Diese Menschen lieben das Leben, sie sind ihm mit Kraft, mit Ausdauer, mit Stärke und mit Humor begegnet. Und all das findet sich in ihren Gesichtern wieder.

 

 

Geheimrezept für das hohe Alter

 

Dem Fotografen Karsten Thormaehlen begegneten ausgeprägte Individualisten mit einer überraschend positiven Einstellung

“Diese Menschen leben noch gerne”, hat der Frankfurter Fotograf Karsten Thormaehlen beobachtet. Die Begegnungen mit den alten Menschen besaßen für ihn eine ganz besondere Qualität. Zum einen überraschte es ihn, wie eigenständig viele der Porträtierten trotz ihres hohen Alters noch leben. Zum anderen waren es die Geschichten, die diese Menschen zu erzählen haben, die ihn gleichermaßen faszinierten. Und nicht zuletzt die Frage, welche Spuren ihr Leben in den Gesichtern hinterlassen hat.

In den zwei Jahren, in denen die Aufnahmen entstanden, begegnete der Fotograf ausgeprägten Individualisten, die ihn mit ihren Aussagen verblüfften. So wie Walter Jonigkeit, geboren am 24. April 1907, der auch heute noch jeden Tag im Büro seines Kinos in Berlin sitzt und von sich selbst sagt: “Mein Geld verdiene ich mir immer noch gerne selbst.” Oder der Kostüm- und Bühnenbildner Wolf Leder, der seinerzeit die großen Stars im Friedrichstadtpalast einkleidete: “Ein Mann sollte sich auch mit 102 Jahren noch elegant kleiden.” Jahrhundertmenschen sind auch Kurt Ziesemann, der am gleichen Tag wie Johannes Heesters Geburtstag hat, Else Pauli, die Rommé spielen als Tipp parat hat, um auch im Alter noch geistig rege zu bleiben, oder Gertrud Becker, die auf ein Stück Schwarzwälder Kirchtorte schwört.

Die Idee zu diesen Porträts entstand in einem Prozess über einen längeren Zeitraum. Zufällig las Thormaehlen in der Zeitung vom 100. Geburtstag des Berliner Hotels Adlon, das zu diesem Anlass eine Reihe von 100-Jährigen eingeladen hatte. Etwa zur gleichen Zeit erschien im Spiegel der Artikel “Der Jahrhundertmensch” von Barbara Hardinghaus. Die Idee, alte Menschen wie Topmodels in Szene zu setzen und diese Bilder später überlebensgroß in Form einer Ausstellung zu präsentieren, gab es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

“Ich stellte mir die Frage, für wen diese Bilder interessant sein könnten. Und stellte fest, dass alte Menschen auch heute noch ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten können. Sie bilden sozusagen das Schmiermittel der Gesellschaft, sie besitzen ein Wissen, von dem wir alle profitieren können”, ist Thormaehlen überzeugt. Nicht umsonst existiert in vielen Erzählungen und Märchen die Figur des alten Geschichtenerzählers, der gleichzeitig als Bewahrer dieses Wissens in Erscheinung tritt. Wer bis ins hohe Alter eine Aufgabe hat, lebt gerne und wird auch gerne alt. Das bestätigen auch verschiedene Studien.

All diese Faktoren beschleunigten das Konzept hinter den Fotos, die Entstehung der Bilder und später auch des Buches “Jahrhundertmensch”, das Thormaehlen bei Moonblinx Gallery veröffentlichte. Gemeinsam mit der Frankfurter Galerie, die einen Schwerpunkt auf Fotografien zum Thema Demografie und Gesundheit legt, zeigt die städtische Galerie Mennonitenkirche auch die Ausstellung in der Deichstadt

 

 

Bilder bis zum 28. Juni sehen

 

Die Fotografien von Karsten Thormaehlen sind noch bis zum 28. Juni in der städtischen Galerie Mennonitenkirche zu sehen. Geöffnet ist die Galerie dienstags von 14 bis 17 Uhr, mittwochs 12 bis 17 Uhr, donnerstags bis samstags 14 bis 17 Uhr sowie sonntags 11 bis 17 Uhr. Für interessierte Gruppen können telefonisch eigene Besichtigungstermine vereinbart werden. Der Eintritt kostet für Erwachsene 3 Euro, für Kinder 1 Euro. Im Gruppenpreis ab 10 Personen zahlen Erwachsene 2,40 Euro, Kinder 0,80 Euro Eintritt. Weitere Infos zur Ausstellung gibt es unter Telefon 02631/206 87. Hier können auch zusätzliche Besichtigungstermine in der Galerie vereinbart werden.

 

Das Interview mit Karsten Thormaehlen und Petra Neuendorf erschien am 12. Juni 2009 in der Rhein-Zeitung, Ausg.-Nr. 133, Stadt Neuwied

 

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