© Karsten Thormaehlen: Mörser, 1998 u. Blue Glass (Madame), 2004


Interview zur Ausstellung im KSK Buchen mit Prof. Dr. Volkhard Wolf


Karsten Thormaehlen ist ein international tätiger Werbefotograf

und hat schon für alle gearbeitet, die Rang und Namen haben. Für

die Bogners, Davidoffs, Chopards und Lancasters dieser Welt sind

seine berauschend schönen Bilder oft nur Mittel zum Zweck. Warum

Sie durchaus auch Kunstwerke sind, beantwortet er Prof. Dr. Wolf

vom Kunstverein Neckar-Odenwald im nachstehenden Interview.

Wie wir alle durch Werbefotografie beeinflusst werden, erklärt er

Ihnen ausführlich bei seiner Ausstellungseröffnung am 8. Mai um

16.00 Uhr im Kreiskrankenhaus Buchen.


Wolf: Herr Thormaehlen, warum könnte man Ihre Art der Werbefotografie

als Kunst einstufen?

Thormaehlen: Ich überlege mir aufgrund einer Aufgabenstellung, in der

Fachsprache eines “Briefings”, sehr genau, worum es dem Auftraggeber

eigentlich geht. Als “Künstler” füge ich einen Teil meiner Selbst, meinen

Stil oder was auch immer dem Kommunikat hinzu und stelle es so auf eine

andere Stufe. Das verleiht dem “Ding” eine neue Identität.

Wolf: Würden Sie das bitte etwas genauer erklären?

Thormaehlen: In der Werbung werden Bilder so eingesetzt, dass sie eine

Art episodischer Reaktion im Bewusstsein hervorrufen. Wenn Sie die Bilder

betrachten, läuft irgendeine Geschichte in Ihrer Fantasie ab. Ein Plakat,

eine Anzeige, ein Fernsehbild muss man nicht verstehen, man muss die

Botschaft verstehen und mögen.

Wolf: Ich staune dabei immer wieder, wie real für mich diese doch eher

künstliche Welt der Werbefotografie ist.

Thormaehlen: Vieles von dem was wir heute Realität nennen, sind

erfundene Bildwelten. Viele Menschen leben das, was sie in prägenden

Phasen gesehen haben, tatsächlich später nach. Die Muster ändern sich da

von Generation zu Generation. Denken Sie nur an das Kindergesicht auf

der KINDERSCHOKOLADE oder dem BRANDT Zwieback. Das sind Bilder, die

man sein ganzes Leben nicht mehr los wird.

Wolf: Aber einige Ihrer Bilder scheinen nicht nur einen bleibenden

Eindruck zu hinterlassen, sondern es scheint auch ein dickes

Ausrufezeichen hinter Ihnen zu stehen. Sie wirken wie ein Imperativ auf

mich: „Du musst das jetzt gefälligst anschauen!“

Thormaehlen: Das liegt daran, dass die meisten Menschen ein Plakat nur

ein paar Sekunden lang bemerken. In dieser Zeit muss die Information in

ihr Bewusstsein dringen, und es muss etwas sein, das sie gern im Geist

mitnehmen möchten.

Wolf: Gibt es Künstler, die für Ihre künstlerische Entwicklung besonders

beeinflusst haben?

Thormaehlen: Oh ja… ich hatte immer Vorbilder deren “Geheimnis” ich

zu ergründen suchte. Da ist z.B. Irving Penn zu nennen, oder der

Schweizer Raymond Maier, Hans Hansen aus Hamburg. Den Tschechen Jan

Saudek lernte ich 1987 persönlich in Prag kennen. Ich besuchte ihn

zusammen mit einem Freund in seiner Privatwohnung und schenkte ihm ein

Fotomagazin mitseinen Aufnahmen, zu dem er damals noch keinen Zugang

hatte. Ich mag aber auch die Arbeiten von Steven Meysel und Nick Knight,

zwei Fotokünstler, die sich immer wieder neu erfinden, die nie stehen zu

bleiben scheinen.

Wolf: Warum beschäftigen Sie sich als Künstler ausgerechnet mit

Werbefotografie?

Thormaehlen: Werbefotografie ist natürlich die lukrativere Sparte.

Vorerst! – Künstler wie Andreas Gurski oder Thomas Ruff leben sehr gut

von der Fotokunst. Das ist aber ein langer Weg - den die beiden auch so

nicht geplant haben. Ich habe ein Kommunikationsdesign-Studium

absolviert und war viele Jahre in der Werbung unterwegs, das prägt und

ebnet so manche Wege.

Wolf: Werbefotos sind “Wegwerfprodukte”. Das Bild in der Werbung dient

dem einmaligen Gebrauch und muss nach der Beendigung der Plakat-

Kampagne entsorgt werden. Wie gehen Sie damit als Künstler um?

Thormaehlen: Viele Fotos werden aus einer Situation heraus gemacht und

einige erlangen viel später Weltruhm. Weil sie die Qualität haben in unser

kollektives Bewusstsein Einzug zu halten. Damit sind sie tatsächlich

Kunstwerke, nur waren sie es nicht im Moment ihrer Entstehung.

Karsten Thormaehlen: Hochglanz. Eine Fotoausstellung des

Kunstvereins Neckar Odenwald im Kreiskrankenhaus Buchen. Dauer

der Ausstellung: 8. Mai bis 19. Juni 2005


Fränkische Nachrichten (D) vom 10.05.2005: Realität ist oft eine erfundene Bildwelt (PDF)

Nordbadische Nachrichten (D) vom 10.05.2005: Die Kunst kommt erst an zweiter Stelle (PDF)