MIT ALLEN SINNEN: KARSTEN THORMAEHLEN
Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Sinnlichkeit dagegen geht über die visuelle Wahrnehmung hinaus. Wie aber gelingt es dem Fotografen Karsten Thormaehlen, mit einem Foto mehr als nur das Auge anzusprechen?
Es ist ein kleines Büchlein, das Jenaer Glas seinem “Eierkoch” in die Geschenkverpackung legt und das mit seiner Spiralbindung zunächst wenig Aufhebens von sich selbst macht. Doch betrachtet man den Titel etwas länger, läuft einem das Wasser im Munde zusammen und man schmeckt die roten Kirschen, die leicht das Aroma der darauf liegenden Zimtstange angenommen haben. Man bekommt Lust hinein zu blättern und wird mit jedem Bild ein wenig hungriger. Natürlich tun die Rezeptideen ein Übriges, aber die Kauf- und Esslust wird vor allem durch die Fotos geweckt.
Diesen Effekt erzielt Karsten Thormaehlen nicht nur für Glas, sondern auch für Porzellan und eine ganze Reihe anderer Produkte, die der vielfach prämierte Fotograf mit viel Gefühl vor seiner Linse inszeniert. Wen wundert es da, dass auf seiner Kundenliste so bedeutende Namen stehen wie der Condé Nast Verlag, also die Zeitschriften “Vogue”, “Glamour” und “GQ” oder Burda mit “Elle” und “Elle Decor”, Porsche Design, Lacoste, L´Oréal, Opel, René Lezard, Jette Joop, Douglas, Bogner und viele mehr.
Philosoph am Sucher
Um diese Größen der deutschen Markenwelt für sich zu begeistern, muss man auf einige Erfahrung und natürlich eine fundierte Ausbildung zurückgreifen können. Dennoch liest sich die Vita zunächst gar nicht so gradlinig. Denn das Studium der Philosophie lässt nicht gleich auf eine Fotografenkarriere schließen. Allerdings wird das durch das Fach Kommunikations-Design, das er in Mainz und Wiesbaden belegte, absolut wett gemacht. Der Schritt über den großen Teich in die New Yorker Studios berühmter Fotografen und Filmemacher brachte ihn schnell nach vorne. Er arbeitete mit Peter Lindbergh, Jim Rakete und Fabrizio Ferri an Werbekampagnen für Luxusmarken. Seine Fotoarbeiten, die auf ausgedehnten Reisen durch mehr als vierzig Ländern entstanden, bilden heute einen Fundus, der nicht nur für Ausstellungen, sondern auch für eine Reihe von Büchern sinnlichen Stoff bietet.
Der dreiundvierzigjährige Karsten Thormaehlen wagte erst vor fünf Jahren den Sprung in die Selbständigkeit. Doch schon 2005 konnte er ein eigenes Studio im Frankfurter U.F.O. gründen und ist in der Planung für eine weitere Kreativschmiede in Berlin. Wer seine Arbeit auf fünf Kontinenten perfektioniert hat, empfindet das Nomadentum zwischen Frankfurt, Berlin und München als nichts Ungewöhnliches.
Erlebte Geschichte
Im April dieses Jahres realisierte er die Ausstellung “Jahrhundert Mensch” im Festspielhaus Bregenz. Die Idee seiner Fotografien waren Porträts von Menschen, die einhundert Jahre alt sind. Die Geschichten dieser Menschen erzählen die Geschichten zweier Weltkriege, des Automobils, des Wirtschaftswunders, der Mondlandung und vieler aktueller Errungenschaften, die fast allen wie selbstverständlich erscheinen, und die doch so spannend sind, wenn man selbst noch bei Gas- oder Kerzenlicht sein Abendessen einnahm. Parallel zu den Bildern entstanden textliche Porträts aus der Feder der Spiegel-Redakteurin Barbara Hardinghaus.
Einzelausstellungen wie diese sind eine enorme Herausforderung aber auch Anerkennung für einen Künstler. Bereits 1986 konnte Karsten Thormaehlen in der Bibliothek von Bingen am Rhein mit seinen Bildern “Urwelt Island” die erste solche Ausstellung bestücken. Weitere Stationen im Rhein-Main-Gebiet folgten. Die Liste der Gruppenausstellungen, an denen er beteiligt war, ist so lang, dass er selbst in seiner Vita nur Auszüge davon erwähnt. Sein aktuell wichtigstes Projekt ist eine Ausstellung im Bundestag in Berlin.
All die Worte können nur wenig von dem vermitteln, was seine Bilder sagen. Trotz aller Sinnlichkeit sind sie pur und ästhetisch, ansprechend und emotional. Davon kann man sich auch auf seiner Internetseite überzeugen. Ingrid Horn

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